Dreampearl

Dreampearl – eine magische Geschichte

Dreampearl und seine Freunde

Dreampearl war ein prächtiger Delphin. Er lebte mit seiner Mutter und dem Rest der Familie in einem der großen südlichen Meere. Sein perfekt glatt glänzender Körper glitt mit bemerkenswerter Geschwindigkeit durch das tiefe Wasser.

Er war neugierig und konnte stundenlang schwimmen, ohne müde zu werden, indem er auf riesigen Wellen ritt, die ihn weiter und weiter auf seinen Entdeckungsreisen im Ozean brachten. Er liebte es mit seinen Freunden, dem blauen fliegenden Fisch, dem gelben Katzenfisch und dem kleinen roten Goldfisch, zu lachen und zu spielen.

Manchmal schnellte er aus dem Wasser, so hoch, als wollte er ein Rad schlagen, landete nahe bei ihnen, bespritzte sie mit Tausenden goldenen Tröpfchen. Das war ein besonderer Spaß! Die gesamte Wasseroberfläche verwandelte sich in eine unermesslich schäumende Wolke! Aber am meisten liebte Dreampearl in die rosenfarbenen Strahlen der aufgehenden Sonne einzutauchen.

Er sagte, er könne darin Musik hören: »Komm, hör zu. Ich habe niemals etwas gehört wie das. Ich bin mir sicher, das kommt von sehr weit her. Vielleicht von den Sternen! Wenn ich nur fliegen könnte«, fügte er hinzu, »ich würde zu dem Platz fliegen, wo diese Musik herkommt.«

Aber niemand nahm sich Zeit inne zu halten und zuzuhören, und da er sehr jung war, nahm ihn niemand wirklich ernst. Sogar seine Freunde neckten ihn ein wenig. »Dreampearl, dein Name passt wirklich zu dir, du träumst immer!« sagte der blaue fliegende Fisch.
»Da ist keine Musik hinter einem Sonnenstrahl versteckt!« fügte der Katzenfisch hinzu.
»Außerdem bist du kein Vogel, du kannst niemals fliegen, du bist ja viel zu schwer, Delphine fliegen nicht!« entgegnete der Goldfisch mit seiner leisen schrillen Stimme zum Schluss.

Dreampearl sagte gar nichts. Sonderbar lächelnd schaute er in den Himmel.

Dreampearl mit seiner Mutter

Eines Morgens zu Sonnenaufgang entdeckte Dreampearl zwei schmale dunkelblaue Kreise auf seinem Rücken, wie zwei Blütenknospen von zwei kleinen Blumen. Sie taten nicht weh, aber sie kitzelten und juckten.

»Was kann das wohl sein?« dachte Dreampearl, »Ich habe niemals von so etwas gehört! Ich bin mir sicher, es hat etwas mit den rosenfarbenen Sonnenstrahlen zu tun. Ich habe den Verdacht, das ist Zauberei!«

Jeden Tag wurden die kleinen Blumen größer. Langsam erblühten sie in Tausenden Blautönen auf seinem Rücken. Etwas sehr Sonderbares geschah!

Dreampearl konnte es tief im Inneren spüren, und in einigen Nächten war er sogar erschrocken. Seine Mutter war die Erste, die diese sonderbare Veränderung auf seinem Rücken bemerkte. Sehr betroffen bat sie Dreampearl für einen Moment still zu halten, damit sie ihn untersuchen könne. »Was ist mit dir passiert, Dreampearl? Es schaut so aus, als….
Es scheint, als ob dir FLÜGEL wüchsen!!! Kann das sein?«

Schließlich verstand Dreampearl, was vorging. Er hatte sich so sehr gewünscht zu fliegen, und nun war sein Wunsch in Erfüllung gegangen. Er begann zu singen, so wie es nur Delphine können, und sein Gesang beschrieb ein anderes Universum. Jeden Tag, wieder und wieder, tauchte Dreampearl in die rosenfarbenen Strahlen der aufgehenden Sonne, das übertraf das Zuhören der Musik.

Dreampearle verabschiedet sich

Wochen und Monate vergingen. Seine Flügel wuchsen prächtig, entfalteten sich entlang des Rückens und umgaben ihn mit türkisen und malvenfarbigen, mit blaugrauen, himmelblauen und violetten Farbtönen. Aber manchmal waren die Flügel sehr schwer und Dreampearl konnte nicht so schnell schwimmen, wie er es gewohnt war. Häufig fühlte er sich ganz einsam. Er lächelte immer noch, aber tief in seinem Herzen machte sich ein tiefer Schmerz bemerkbar. Dreampearl war einsam. Er vermisste die Musik von den rosenfarbenen Sonnenstrahlen, diese Musik, so lieblich schön, ließ ihm die Tränen aufsteigen. Er träumte, dass er zu dieser Musik wurde. Er sprach sehr wenig, als ob alle Worte schon gesagt worden wären, und tief in seinen Augen war etwas unendlich Weiches.

Eines Tages spürte Dreampearl, dass die Zeit gekommen war, dass es Zeit wurde. Er erwachte, während es noch dunkel war. Er schwamm lange Zeit auf seinem Rücken, die Sterne betrachtend. Er dachte: »Heute werde ich nach Hause gehen.«

Nein, er war nicht traurig – nicht wirklich traurig. Es war gerade so, dass er sich ziemlich klein fühlte, um alleine auf eine so große Reise aufzubrechen. Der Himmel wurde fahl, nach und nach verschwanden die Sterne. Da war ein stilles Innehalten zwischen Tag und Nacht, ein Moment der unterbrochenen Leere, wie in einem Theater, gerade bevor der Vorhang aufgeht. Dreampearl schloss seine Augen, und plötzlich fühlte er in ihm das Aufsteigen einer leuchtenden magischen Kraft. Er lächelte in sich hinein. Das war phantastisch! All seine Angst hatte sich aufgelöst.

»Was für eine großartige Reise mache ich heute! Wach auf, du faule alte Sonne! Ich möchte aufbrechen!«

Langsam stieg die Sonne auf, und als sie aufgegangen war, ließ sie über dem Meer die rosenfarbenen Strahlen zurück, so weit, so hell, dass faszinierte Vögel darüber in Formation flogen, hin und zurück, hin und zurück. Alle seine Freunde waren da: der blaue fliegende Fisch, der gelbe Katzenfisch und der kleine rote Goldfisch. Sie sagten nichts, sie schwammen nur in Kreisen. Jeder fühlte sich ein bisschen traurig.

Aber sie lachten, als Dreampearl einige komische Pirouetten im Wasser drehte, und dabei durch die Sonne sich in Rosa färbte. Dann schwamm er nahe an seine Mutter heran und legte seinen Kopf in ihren Nacken. Seine Mutter streichelte ihn mit ihrer sanften Flosse für lange, lange Zeit.

»Geh nun, wenn du willst, Dreampearl. Ich verspreche dir, dass ich später nachkommen und mich dir anschließen werde.«

Mit einem kraftvollen Schub ihres Schwanzes half sie ihm, sich auf seinen Weg zu machen. Dreampearl schnellte sehr hoch, dann tauchte er ins Meer. Er tauchte tiefer und tiefer hinab, bis zum Boden, tiefer als jemals zuvor, zu einem Ort, wo niemand anderer jemals zuvor war als er. Es war dunkel in solch einer Tiefe, so dunkel wie die dunkelste Nacht, ohne einen einzigen Stern. Aber Dreampearl hatte keine Angst.

Dreampearl geht nach Hause

Als er endlich den Boden des Meeres erreichte, stieß er sich mit einem kraftvollen Schub seines Schwanzes ab. Mit einem langen glücklichen Schrei stieg er schneller und schneller gegen die Oberfläche, dann explodierte er durch das rosenfarbene Wasser wie ein Champagnerkorken. Zuletzt entfalteten sich seine mächtigen blauen Flügel, und sie bauschten sich im Wind wie Segel. Er verabschiedete sich von der Atmosphäre der Erde und startete wie eine Rakete.

Bald war er nur mehr ein kleines blaues Fleckchen im Himmel. Er flog so schnell, dass er nur in ein paar Sekunden die Sonne erreichte. Er grüßte sie aus seinen Augenwinkeln und setzte seinen Weg fort. Er begegnete Planeten, Monden und Galaxien mit Billionen von Sternen. Er flog schneller und schneller. Er war so leicht, so glücklich. Seine großen blauen Flügel waren prächtig und kraftvoll, und als er durch das Schwarze Loch unserer Galaxie fiel, wusste er, dass er auf der anderen Seite der Dinge angelangt war.

Er begann zu tanzen, wie ein großer blauer Schmetterling. Jeder Flügelschlag bewegte Billionen von Sternen, die in die Nacht hinein verschwanden. Bald war der ganze Himmel leuchtend, er war so hell wie Schnee in der Sonne. Dreampearl schwebte einfach überwältigt. Es war so leicht, glücklich zu sein, so angenehm nur hier zu sein.

Er war umgeben von Räucherkerzen aller Farben, die ihm den Weg zum Kristallplaneten zeigten. Es war so ein außergewöhnlicher Planet. Dreampearl konnte kaum seinen Augen trauen. Der Planet war…..durchscheinend! Innerhalb der Kristalle sah er einen intensiv rosenfarbenen Schein, der wie ein riesiges Herz pochte und die Nacht erhellte. Das Herz von Träumender Perle schlug exakt im selben Rhythmus.

»Endlich!«, sagte er zu sich selbst, »Ich bin zu Hause!«

Dreampearl auf dem Weg zum Kristallplaneten

Überall ergossen sich gleichzeitig mächtige Fontänen. Es war nicht Wasser, obwohl es sich in den Himmel erhob, sondern Musik! Dreampearl war überrascht. Aber dann…  Ja, er erkannte die Musik wieder. Es war… Es war die Musik der rosenfarbenen Sonnenstrahlen!

Endlich hörte er die Musik wirklich, er war davon überwältigt! Die Musik war so lieblich! Seine Augen glitzerten in rosenfarbenen Tränen. Dreampearl begann mit der Musik zu singen, so wie es nur Delphine können. Es war ein wunderbarer Gesang. Sein Gesang. Und es schien ihm, dass Tausende von Stimmen sich seiner Stimme angeschlossen hätten; Tausende von neuen Freunden, alle in einem Chor vereint, aber in Tausend verschiedenen Weisen und in Tausend verschiedenen Schattierungen. Es war noch großartiger, als er sich das jemals vorgestellt hatte.

Immer öfter finde ich mich dabei, wie ich an Dreampearl und den Kristallplaneten denke. Ich bin mir sicher, dass auch ich eines Tages den zauberhaften Gesang höre. Es wurde mir gesagt, dass er durch Widerhall von Galaxie zu Galaxie reist, und dass er eines Tages zu uns kommen wird. Und so öffne ich meine Ohren und mein Herz, und ich wende mich wie eine riesige Antenne dem Himmel zu. Und ich höre….

Wann wird der zauberhafte Gesang endlich auf der Erde Halt machen, alles Leid der Welt wird verschwinden, davongetragen von grenzenlos scheinenden rosenfarbenen Lichtstrahlen. Und dann wird der Moment kommen, wo jede Blume der Erde in voller Blüte steht.

  • Text von Lise Thouin (Buchtipp: Die Reise zum Kristallplaneten)
  • Übersetzung aus dem Englischen von Reinhard Mader
  • weitere wundervolle Bilder von von Jean-Luc Bozzoli findet ihr auf:
    http://www.jeanlucBOZZOLI.com